Melara Mvogdobo
Wer ewig lebt!
September 2026
Vorbereitungen
Die Frau trat auf die Veranda ihres Holzhauses und blickte in den üppigen Garten. Früher hatte auf diesem Land ein grosser Tannenwald gestanden. Doch das war lange her. Sehr lange. Die Welt hatte sich verändert. Anstelle der Nadelbäume und Fichten wuchsen hier nun Kokos- und Ölpalmen, Mangobäume, hohe Maniok- und Macabo-Pflanzen und lange Lianen.
Seit einigen Jahren gab es wieder vermehrt Insekten, die die Pflanzen bestäubten. Vor allem Schmetterlinge, Fliegen und Wespen. An Bienen konnte sich die Frau kaum noch erinnern. Bevor die Insekten zurückgekehrt waren, hatten sie und ihre Schwester während unzähliger Jahrzehnte die Pflanzen mühsam von Hand bestäuben müssen.
Unten am Ufer des kleinen Sees stand der Mais schon hoch und in den vielen Beeten, die sie und ihre Schwester angelegt hatten, gedieh das Gemüse. Später würde sie ein paar Kochbananen und Bananen von den Stauden schneiden. Sie hatte gehofft, dass mindestens eine Papaya reif sein würde. Ihre Schwester liebte Papayas. Sie wollte ihr eine Batida mit Kokosmilch und viel Eis zubereiten. Doch so wie es aussah, machten ihr die Früchte einen Strich durch die Rechnung.
Die Frau sah mit zusammengekniffenen Augen in den Himmel und rief in Richtung der glühend heissen Sonne: Gib dir etwas Mühe! Dann wischte sie sich mit einem Zipfel ihres Kabas den Schweiss von der Stirn und ging in Richtung des Hühnergeheges.
Sie würde den Hahn schon heute töten. So würde sie genug Zeit haben, ihn zu rupfen und zu säubern und dann schön lange in der Marinade ziehen zu lassen. Beim Poulet Ndomba war die Marinade das Wichtigste. Zitronengras, Messep und viel Piment, so, wie sie und ihre Schwester es mochten.
Ihre zwei Hunde folgten ihr auf den Fuss. Sie wussten, was sie vorhatte, und hofften auf ein paar Leckerbissen. Sie war nie besonders tierlieb gewesen. Doch nach den vielen Jahrzehnten ohne Menschen, ohne ihre Schwester, hing ihr Herz an den Tieren. Sie waren die Nachkommen zweier schwarzer, belgischer Schäferweibchen, die ihrer Schwester gehört hatten. Sie hatten sich mit den Männchen des verwilderten Rudels lappländischer Schlittenhunde, das damals noch durch die Wälder gezogen war, gepaart. Ihre Nachkommen waren zäh, mutig und treu. Längst hatten sich auch Wolfsgene dazu gemischt.
Es gab nicht mehr viele Hunde. Auch kaum noch Wölfe. Doch letzten Monat war Olom, die ältere Hündin, während einer Woche verschwunden. Die Frau hoffte, dass sie trächtig war. Sie konnte sich nicht vorstellen, ohne Hunde weiterzumachen. Vielleicht wäre dies der Moment, in dem auch sie der Mut verlassen würde. So wie ihre Schwester vor vielen Jahren.
Der Hahn lag in ihrem Schoss. Sie konnte seinen schnellen Herzschlag auf ihren Schenkeln spüren. Behutsam strich sie über das dunkle Gefieder des Vogels und begann leise und beruhigend zu summen. Sie wartete, bis sich der Herzschlag des Tieres verlangsamt hatte. Dann drehte sie ihm mit einer schnellen Bewegung den Hals um. Danke, murmelte sie leise.
Später, nachdem sie den Hahn kurz im dampfenden Wasser des russigen Topfs auf dem Holzherd geschwenkt, ihn gerupft und ausgenommen hatte, warf sie den Hunden seinen Kopf und die Innereien zu. Bei den Füssen zögerte sie einen Moment. Sie wusste, dass in ihrer Familie in Kamerun die Füsse als Delikatesse gegolten hatten. Ihre Schwester würde verständnislos den Kopf schütteln, wenn sie sie morgen Abend nirgends finden würde.
Die Frau seufzte resigniert und gab jedem Hund einen Fuss. Wem versuchte sie etwas vorzumachen? Ihre Schwester würde, wie all die Male zuvor, keinen Bissen anrühren. Und was die Hühnerfüsse betraf; sie war nun mal nicht wie ihre Schwester in Kamerun aufgewachsen, sondern in der Schweiz. Damals, zu ihrer Zeit, als noch Wohlstand und Frieden herrschten, hatte kaum jemand Innereien oder Hühnerfüsse gegessen.
Doch dann, als alles immer schlimmer geworden war, und überall Hungersnöte ausbrachen, hatte sich das wieder geändert.
Die Frau erinnerte sich nicht gerne an diese Dinge.
«Und doch sind Erinnerungen beinahe das Einzige, was dir geblieben ist. Für uns, die ewig leben, ist alles unendlich. Das Vergangene ebenso wie das, was kommt.»
Sie zog die Schultern hoch und schnaubte laut, so als ob dies helfen könnte die tristen Gedanken zu verscheuchen.
Es half nicht. All ihren Bemühungen zum Trotz erschien das Bild ihrer Schwester vor ihrem inneren Auge. Wie sie vor hunderten von Jahren plötzlich vor der Tür des kleinen Appartements in Winterthur gestanden hatte.
Sie war damals Mitte dreissig gewesen und hatte sich gerade vom Vater ihrer zwei jüngsten Kinder getrennt. Zwei Zwillingsmädchen, genau wie ihre Schwester und sie.
Doch sie und ihre Schwester waren voneinander getrennt worden, als sie fünf Jahre alt gewesen waren. Ihr Vater hatte sie mit in die Schweiz, in das Land seines Grossvaters gebracht. Besser gesagt, er hatte sie ihrer afrikanischen Familie, ihrer Mutter entrissen und alles dafür getan, jeglichen Kontakt zwischen Mutter und Tochter oder den Zwillingsschwestern zu unterbinden. Und was noch viel schlimmer war, er hatte ihr ihr Erbe, die Geschichte ihres Volkes verschwiegen. Dies, obwohl auch in seinen Adern das unsterbliche Blut der Engong floss.
Aber all das wusste die Frau zu diesem Zeitpunkt nicht. Ihr Vater hatte ihr eine andere Geschichte erzählt. Eine von einer Mutter, die sich nicht für ihre Zwillingstöchter interessiert hatte. Die lieber auf den Strassen Yaoundés unterwegs war, als sich um ihre Kinder zu kümmern. Immer auf der Suche nach einem neuen Verehrer oder einem weiteren zügellosen Fest.
So habe er sie, Merveille, die um wenige Minuten ältere der beiden Schwestern, weit weggebracht, um sie vor dem schlechten Leben ihrer Mutter zu bewahren.
«Deine Mutter hat sich nichts sagen lassen. Sie respektierte mich nicht so, wie es die Tradition verlangt. Eine verheiratete Frau hat sich um ihren Mann und ihre Kinder zu kümmern. Sie hat auf ausschweifenden Partys nichts verloren.»
«Aber weshalb hast du meine Schwester Mireille zurückgelassen?», hatte sie gefragt. Der Vater hatte sich über die Frage geärgert: «Denkst du, für einen alleinstehenden Mann ist es einfach, sich um ein kleines Kind zu kümmern? Zwei? Nein, das wäre einfach unmöglich gewesen.»
Erst als die Schwester vor ihrer Tür gestanden und ihr zu verstehen gegeben hatte, dass sie nicht weggehen würde, jedenfalls nicht, bevor sie sie angehört hatte, ahnte sie, dass ihr Vater ihr vieles verheimlicht haben musste.
In jener Nacht war ihr alles zu viel geworden. Am liebsten hätte sie ihre Schwester angeschrien: «Verschwinde! Ich kann das alles nicht brauchen! Weder dich noch deine absurden Geschichten!»
Stattdessen war sie erstarrt und hatte mit weit aufgerissenen Augen zugehört.
Irgendwann hatte sie ihre Starre abgelegt und laut aufgelacht und ihrer Schwester spöttisch entgegen geschleudert: «Mireille, was erzählst du bloss für einen Quatsch! Unsterblich? Echt jetzt! Unsere ganze Familie soll unsterblich sein? So wie blöde Vampire?»
Die Frau seufzte hörbar und schweifte mit dem Blick durch den Garten, bis zu dem dichten Geissblattstrauch mit seinen duftenden Blüten. Hinter ihm war der Eingang des unterirdischen Bunkers zu sehen. In ihm befand sich alles, was es zu bewahren galt. All das Wissen, das Saatgut, die Pflanzenkeimlinge, die alten mechanischen Geräte, die den Menschen helfen würden, in der neuen Welt zu überleben. Einer entvölkerten, heissen Welt, in der es kaum noch Technologie gab. Und wenn es sie gab, handelte es sich um die kläglichen Überreste einer Zivilisation, die sich schon vor langer Zeit selbst ausgelöscht hatte. Es war nur eine Frage der Zeit, bis auch die letzte Solarzelle, das letzte Wasser- oder Windkraftwerk, seinen Dienst versagen würde.
Wer weiss, vielleicht war dies da draussen in der Welt hinter der Oase, die sie und ihre Schwester aufgebaut hatten, schon längst geschehen.
Sie war schon sehr lange keinem anderen Menschen mehr begegnet. Sie verliess ihr Zuhause nicht. Nicht mehr, seit ihre Schwester jene verhängnisvolle Entscheidung getroffen hatte.
Seither war viel Zeit vergangen. An die zweihundert Jahre vielleicht. Die Frau war beim Zählen der Jahre etwas nachlässig geworden.
«Wer ewig lebt…», flüsterte sie und verzog ihr Gesicht zu einem wehmütigen Lächeln. Wer ewig lebt, schert sich nicht um ein paar Jahre mehr oder weniger.
Morgen Abend, wenn sie und ihre Schwester zu Tisch sässen, würden sie wie immer das Wer-ewig-lebt-Spiel spielen. Nun hatte sie bereits einen neuen Satz gefunden.
Sie holte das alte Hackbeil, dessen Klinge sie erst gerade geschliffen hatte. Auf dem schweren Brett aus Holz zerteilte sie den Hahn mit kräftigen Schlägen zu kleinen, handlichen Stückchen.
All das hatte sie vor vielen hundert Jahren in Kamerun gelernt. Die Ururgrossmütter, die Grossmütter, die Mütter, die unzähligen Tanten und Onkel (wer ewig lebt, hat eine unendlich grosse Verwandtschaft) hatten ihr vieles beigebracht. Vor allem, wie man ohne Elektrizität und Maschinen leben kann. Damals hatte sie sich nicht sonderlich dafür interessiert. Wozu all die Mühe, wenn es mit einer Maschine viel leichter geht, hatte sie gefragt, wenn man ihr auftrug, Melonenkerne mit den Händen auf dem rauen, flachen Stein zu malen oder das Gemüse im grossen Holzmörser mit dem schweren Stössel zu Brei zu stampfen.
Sie hatte gelernt, ein Feuer anzufachen und darauf zu kochen, aus Samen Gemüse zu ziehen und dieses auf verschiedene Weise haltbar zu machen. Sie hatte ihre Abscheu vor dem Töten überwunden und Hühner, Fische, Hasen und sogar Schweine geschlachtet. Ihnen die Bäuche aufgeschnitten, um die Innereien zu entnehmen und zu säubern. Sie wusste, wie man Fleisch räucherte, pökelte oder trocknete.
Ihre kamerunische Verwandtschaft hatte sich oft über ihre Ungeschicktheit lustig gemacht: «Sowas lernt man nicht bei den Blancs, eeeh!»
«Es ist gut, ma fille», hatte einer der alten Onkel ihr eingeschärft, «wenn man so viel Wissen wie möglich anhäuft. Man weiss nie, wozu es eines Tages nützlich sein wird. Vor allem für uns, die Ewigen. Vielleicht hängt eines Tages alles von unserer Fähigkeit ab, uns zu erinnern.»
Morgen würde sie den Hahn in kleinen Portionen in die zugeschnittenen Bananenblätter geben. Die zugeschnürten Päckchen eine knappe Stunde im zugedeckten Topf mit wenig Wasser dämpfen. Hinterher, wenn ihre Schwester wieder weg wäre, kämen die Resten in den Tiefkühler. So könnte sie später, sollte sie die Lust auf Poulet Ndomba überkommen, immer mal wieder ein Päckchen aufwärmen.
Nebst dem Strom für die Apparaturen im Bunker waren Tiefkühler und Kühlschrank der einzige Luxus, den sie sich gönnte. Das und ein alter CD-Player. Eigentlich hatte sie auch noch einen alten Fernseher mit DVD-Gerät. Aber der war seit längerem kaputt. Und ihr fehlte die Motivation, ihn zu reparieren. Früher, als sie noch zu zweit waren, hatten sie und ihre Schwester oft ausgelassen zu alten Bikutsi Hits oder zu Bob Marley getanzt. Manchmal hatten sie sich auch einen Film angesehen.
Das mit den CDs und den DVDs war ihre Idee gewesen. Sie war sich sicher gewesen, dass Internet und Streaming-Dienste in einer untergehenden Welt nicht lange überleben würden. Es war auch ihr zu verdanken, dass sie rechtzeitig dieses Stück Land gekauft hatten und sich hier im hohen lappländischen Norden über viele Jahre hinweg ein Refugium aufgebaut hatten.
Als damals die Temperaturen immer weiter angestiegen waren, war es nur eine Frage der Zeit gewesen, bis die tropischen und subtropischen Teile der Erde unbewohnbar geworden waren. Das tropische Klima hatte sich innert weniger als hundert Jahren in den Norden verschoben. Es waren sehr viele Menschen gestorben. Diejenigen, die auf der Südhalbkugel gelebt hatten und nicht über genügend finanzielle Mittel und Beziehungen verfügt hatten, waren verhungert und verdurstet. Die Menschen der Nordhalbkugel hätten zwar theoretisch noch über genügend Ressourcen und ein halbwegs erträgliches Klima verfügt, um zu überleben. Aber ihnen wurde ihre Hellhäutigkeit und der Mangel an Wissen zum Verhängnis. Durch die extreme Sonneneinstrahlung erkrankten viele an einer aggressiven, tödlichen Form von Hautkrebs. Die Technik versagte zusehends, Industrie und Handel brachen zusammen. Spitäler wurden geschlossen. Im Norden wusste man zu wenig über Landwirtschaft in tropischen Gebieten und musste machtlos zusehen, wie herkömmliche Pflanzen in der Hitze verdorrten oder im tropischen Regen ertranken. Heftige Wirbelstürme taten ihr Übriges. Es waren dunkle, gewalttätige Jahrhunderte gewesen.
Doch sie und ihre Schwester waren hier im beinahe menschenleeren Lappland in Sicherheit gewesen.
Durch den Strom, den ihre Anlagen produzierten, war es ihnen möglich gewesen, einige Technologien, die nicht auf Internet angewiesen waren, weiterhin zu nutzen. Der gesamte Ablauf in der Bunkeranlage wurde weiterhin von einer KI überwacht. Obwohl sie seit mehreren hundert Jahren kein Update mehr bekommen hatte, war sie für die Frau nach wie vor ein wichtiges Hilfsmittel, bei der Aufzucht der Pflanzen und der Archivierung von Daten.
Der Blick der Frau schweifte gedankenabwesend zur Solaranlage. Sie war in einem guten Zustand. Auch das kleine Windkraftwerk würde bei gewissenhafter Wartung noch viele Jahrzehnte gute Dienste leisten. Trotzdem gab sie sich Mühe, nicht unnötig Energie zu verschwenden.
Nur ein-, zweimal pro Jahr, dann, wenn sie und ihre Schwester zusammen assen, achtete sie nicht auf den Energieverbrauch.
Ein Büschel Zitronengras, Blätter von der Kaffirlimette, vier runde, rote Pimentschoten, Messep, Ingwer, Knoblauch, Petersilie, Salz und Pfeffer. Fast alles kam aus dem Garten. Ausser dem Salz. Sie ging äusserst sparsam damit um.
Die Frau sah zufrieden auf den zerkleinerten Hahn in seiner Marinade. Er würde ein fantastisches Poulet Ndomba abgeben.
Sie und ihre Schwester würden in längst vergangenen Erinnerungen schwelgen, vor Lachen prusten und ab und zu auch weinen. So, wie sie es immer taten. Solange zumindest, wie es ihnen gelänge, den unvermeidbaren Streit hinauszuzögern.
Die Schwestern wussten es vom ersten Moment an, hinter jedem fröhlichen Lachen verbargen sich gegenseitige Vorhaltungen und Schmerz.
Der Frau war klar, weshalb es so war. Sie konnte ihrer Schwester nicht verzeihen. Auch nach über zwei Jahrhunderten sass der Groll wie ein eisiger Klumpen in ihren Eingeweiden.
Wer ewig lebt, hat alle Zeit der Welt, um nachtragend zu sein.
Das Essen
Die Frau lag in ihrem Bett. Ihr Herz schlug schnell und ihre Kehle war wie zugeschnürt. Wer ewig lebt, flüsterte sie kaum hörbar, überdauert manchmal sogar die Hoffnung. Sie spürte die Tränen auf ihren Wangen, hörte das leise Geräusch, wenn sie auf das Kopfkissen tropften.
Ihre Schwester hatte recht. Sie mussten aufhören, einander zu treffen. Sie solle sie endlich loslassen, hatte sie gesagt. Und dann hatte sie noch viel mehr gesagt. Dinge, die sie nicht hätte sagen dürfen. Nicht sie. Nicht nach dem, was sie ihr angetan hatte.
Dabei hatte der Abend so schön begonnen.
Das Poulet Ndomba duftete herrlich und als ihre Schwester die kleine Lichtung zwischen den Kokospalmen am Seeufer betrat, hatten sie getanzt und sich lachend umarmt.
Sie blickten einander in die Gesichter und wussten, dass sie in einen Spiegel blickten. Sie glichen sich auch nach all den Jahren noch wie ein Ei dem anderen.
Ihre Schwester hatte ihr zärtlich über die Wange gestrichen und geflüstert: «Wie schön du bist, ma soeur. Wie schön und wie traurig.»
Die Frau hatte den Blick abgewandt und sich die bissige Bemerkung, die ihr auf der Zunge lag, verkniffen. Sie wollte die Stimmung nicht ruinieren. Nicht jetzt schon.
Stattdessen hatte sie die Schultern gestrafft und betont fröhlich erwidert: «Wer ewig lebt, altert nur im Innern.»
Ihre Schwester hatte genickt und verschmitzt gelächelt. Dann hatten sie beide lachend im Chor gerufen:
«Wer ewig lebt und noch immer dumm ist, ist selbst schuld!»
Das war ihr gemeinsamer Lieblingssatz gewesen. Immer, wenn ihnen ein Missgeschick passiert war, hatten sie einander damit gehänselt.
Später hatten sie an dem kleinen, liebevoll gedeckten Tisch Platz genommen.
«Poulet Ndomba! Wie herrlich es riecht!», hatte die Schwester freudig ausgerufen.
Aber ihr war es sofort aufgefallen. Ihre Schwester war nicht bei der Sache. Hinter dem freundlichen Lächeln verbarg sich etwas Ungeduldiges. So, als ob sie den Abend schnell hinter sich bringen wollte.
Das hatte die Frau verletzt. Wie konnte sie es wagen! Diese gemeinsamen Abende ein- oder zweimal im Jahr waren alles, was ihnen geblieben war. Was ihr geblieben war.
Sie hatte die Wut in sich aufsteigen gespürt und sich nicht die Mühe gemacht, sie zurückzudrängen.
«Du scheinst es ja kaum erwarten zu können, wieder zu verschwinden», hatte sie ihrer Schwester giftig entgegengeschleudert.
Das Lächeln gefror im Gesicht der Schwester und machte einem kalten, gelangweilten Ausdruck Platz.
Dann seufzte sie, so, als ob sie allem überdrüssig wäre, und sagte: «Du willst also jetzt schon zum Streit übergehen, ma soeur? Mir soll’s recht sein.»
«Ich brauche diese Treffen nicht. Ich habe sie nie gebraucht, Schwester. Ich habe mich nicht aus einer Laune heraus entschieden, zu gehen. Und doch habe ich keine Wahl, jedes Mal, wenn du mich sehen willst, muss ich gehorchen. Aber ehrlich gesagt, bin ich diese Treffen leid. Dein vorwurfsvolles Gejammer. Die Vorhaltungen. Das So-tun-als-ob. So tun, als ob ich mich freuen würde. So tun, als ob ich riechen oder essen könnte. So tun, als ob ich mich schuldig fühle. Es war ein Fehler, dass wir uns damals für die Konservierung unserer Daten entschieden haben. Ich bereue zutiefst, dass wir uns nicht an eine der alten Formen gehalten haben. Eine Urne vielleicht oder ein Grab. Dann wäre uns dieser erbärmliche Reigen Jahr für Jahr erspart geblieben. Du hättest keine andere Wahl gehabt, als dich mit meiner Entscheidung abzufinden. Ich bin es so überdrüssig, dir bei deinen Selbstmitleidergüssen zuzuhören und mich ein ums andere Mal bei dir zu entschuldigen. Ich habe mich vor über zweihundert Jahren entschieden, einen Schlussstrich zu ziehen. Es ist die einzige Möglichkeit für unsereins. Das weisst du. Ich hatte das Recht, dies zu tun.»
«Wie kannst du es wagen, so kaltschnäuzig zu sein!» Die Frau war mit einem Ruck von ihrem Stuhl aufgestanden. Ihre Hände waren zu Fäusten geballt. «Ich war es, die dich an jenem Morgen mit schwarzen Lippen und kalter Haut inmitten deines Erbrochenen auf dem Boden vorgefunden hat. Meinst du, das war einfach? Meinst du, das war in Ordnung? Du hast mich einfach zurückgelassen in unserer Unsterblichkeit, in einer entvölkerten, kaputten Welt. Eine Welt, die wir, die Ewigen, durch unser altes Wissen wiederaufbauen sollten. Wie, Schwester, könnte ich das allein schaffen? Ohne dich? Ohne unseren Clan? Du warst doch immer die Mutigere von uns beiden. Du wusstest immer, was als Nächstes zu tun war. Du bist mit den Geheimnissen und Geschichten der Engong aufgewachsen. Ich nicht! Und dann entscheidest du dich einfach, mich mit all dem allein zu lassen! Und weshalb? Weil du müde warst? Weil dir sechshundert Jahre mehr als genug erschienen? Weil du keine Lust mehr hattest, dich unseren Aufgaben zu widmen?»
Nun war auch die Schwester aufgestanden.
«Genau das meine ich, ma soeur! Dieses ewige Gejammer ist einfach unerträglich. Hinter all diesen Vorwürfen versteckst du nur deine unglaubliche Feigheit. Deine Unfähigkeit, endlich eine Entscheidung zu treffen. Du bist viel schlimmer als ich. Du bist zwar noch am Leben, verhältst dich aber so, als ob du gestorben wärst. Versteckst dich in dieser Oase, anstatt raus in die Welt zu ziehen. Du solltest nach anderen Ewigen suchen! Das Wissen, das wir in diesem Bunker gesammelt haben, unter die wenigen Menschen, die es noch gibt bringen und ihnen dabei helfen, eine neue, bessere Welt aufzubauen. Doch was machst du stattdessen?
Du verkriechst dich feige! Dass du dich selbst noch erträgst Schwester! Besser wäre es, du tätest es mir gleich und beendest dieses Elend. Aber dazu bräuchtest du Mut und den hast du ja nicht!»
Es war, als ob etwas im Innern der Frau laut scheppernd zu Bruch gegangen wäre.
Sie hob den schweren Holzstuhl, auf dem sie gerade noch gesessen hatte hoch, und stürzte mit einem lauten Schrei in Richtung ihrer Zwillingsschwester. Sie holte mit voller Wucht aus und schlug ihr den Stuhl über den Kopf.
Wie aus weiter Ferne nahm sie das Knirschen und die elektrischen Funken wahr, während der Kopf der Schwester über den sandigen Boden rollte.
Er blieb ein paar Meter weiter neben einem gelben Hibiskusbusch liegen. Die nun ins Leere blickenden Augen rollten unkontrolliert hin und her, während sich die Silikonlippen öffneten und schlossen und immer wieder dieselben Worte wiederholten: «Mut, und den hast du ja nicht! Mut, und den hast du ja nicht! Mut, und den hast du ja nicht!»
Die Frau hatte noch viele Male auf den Kopf eingeschlagen. Erst als kein Laut mehr zu hören gewesen war, hatte sie innegehalten.
Sie hatte den Stuhl auf der Lichtung zurückgelassen und sich vollkommen erschöpft ins Bett gelegt. Sie hatte nicht einmal mehr die Kraft aufgebracht, den Solargenerator, der den Avatar ihrer Schwester mit Strom versorgt hatte, auszuschalten. Er würde die ganze Nacht weiterlaufen. Was für eine Energieverschwendung!
«Wer ewig lebt lernt, der Reue zu entkommen!», sagte die Frau mit unüberhörbarem Trotz in die Dunkelheit, drehte sich auf die Seite und schlief ein.